Kommentar:Jona 2

Aus Die Offene Bibel

(Unterschied zwischen Versionen)
Wechseln zu: Navigation, Suche
K (Der Jonapsalm – eine Parodie?)
K (Der Jonapsalm – eine Parodie?)
Zeile 104: Zeile 104:
 
: „Unlike the imagery in similar psalms, the metaphors in Jonah´s prayer are rendered invalid because, within the story, they cease to function as metaphors. Factuality and image cancel each other out. The result is a ludicrous parody of the true believer´s complaint: will the same metaphors still be meaningful when the metaphorized situation materializes?“<ref>Brenner 1993, S. 189</ref>
 
: „Unlike the imagery in similar psalms, the metaphors in Jonah´s prayer are rendered invalid because, within the story, they cease to function as metaphors. Factuality and image cancel each other out. The result is a ludicrous parody of the true believer´s complaint: will the same metaphors still be meaningful when the metaphorized situation materializes?“<ref>Brenner 1993, S. 189</ref>
  
Verstanden? Gelacht? Wir auch nicht.
+
Verstanden? Gelacht? Wir auch nicht.<ref>Dieser Argumentationsgang Brenners wird aber sogar auch von anderen Exegeten aufgegriffen; Sharp 2008 etwa referiert lakonisch: "Second, figures of speech and images that ordinarily would be employed in metaphorical senses in Israel´s psalmody are here used in ways that are hyperbolically literalistic in Jonah´s actual briny circumstances." (Sharp 2008, S. 178)</ref>
  
 
Ein zweiter Ansatz ist es, den Psalm nicht als Parodie zu lesen, sondern ihn als durchweg ironisch aufzufassen. Auch hierfür zitiert Brenner Gewährsmänner (aber die Auffassung des Psalms als ironisch ist wohl eine der verbreitetsten überhaupt in der Exegese des Jonapsalms):  
 
Ein zweiter Ansatz ist es, den Psalm nicht als Parodie zu lesen, sondern ihn als durchweg ironisch aufzufassen. Auch hierfür zitiert Brenner Gewährsmänner (aber die Auffassung des Psalms als ironisch ist wohl eine der verbreitetsten überhaupt in der Exegese des Jonapsalms):  

Version vom 12. Juni 2012, 17:52 Uhr


Jona, der Fanatiker. Ein Kommentar zum Jonabuch
Vorbereitendes und Vorläufiges | Jona 1 | Jona 2 | Jona 3 | Jona 4


Ich fange wieder an, hier nach und nach eine vorläufige Version einzustellen. Über das hier werde ich noch genauer drüber sehen als über die ersten beiden Teile, weil ich hier das Gefühl habe, dass ich mich ein bisschen zu lang mit den Vorbemerkungen aufhalte. Auch stilistisch ist das überwiegend eher hingeschludert, denn das korrigiere ich prinzipiell immer erst am Ende eines geschriebenen Kapitels. Ich stelle es trotzdem schon mal ein; hauptsächlich, weil ich sehen will, ob die Parallelstellenversion die Parallelstellen auch in einem Kommentarkapitel richtig anzeigt. Was außerdem noch gesagt werden muss, ist, dass sich die Strukturanalyse in 2,6 von der in der Einleitung unterscheidet. Das kommt daher, dass ich mich jetzt noch einmal sehr intensiv mit der Struktur befasst habe und sogar vor metrischer Analyse nicht zurückgeschreckt bin :) -, jedenfalls, im Einleitungskapitel muss ich zumindest den Absatz mit Christensens Morae-Zählung noch korrigieren. Das werde ich aber erst am Ende des Kommentar-Schreibens machen.

Inhaltsverzeichnis

Übersetzung

Vorbemerkungen

Zur Methodologie der Jonapsalmanalyse

Bevor wir mit dem Einzelstellenkommentar zu Jona 2 beginnen können, müssen zunächst einmal gleich mehrere Vorbemerkungen gemacht werden.
Zum Ersten: In Jon 2,3-10 haben wir es mit einem Psalm zu tun, mit Lyrik also. Wir ersparen dem Leser hier eine Abhandlung zur hebräischen Poesie (da wir ohnehin planen, nach Abschluss des Jonakommentars hierzu einige Zeilen zu schreiben) und belassen es bei einigen kurzen Anmerkungen; wer schon jetzt einer genaueren Vorstellung über die hier zur Anwendung kommenden poetologischen Theorien bedarf, sei verwiesen (1) zum Thema „Bausteine der hebräischen Poesie“ auf den Aufsatz von de Moor / Korpel (1988) und (2) zum Thema „Methodologie der Lyrikanalyse“ auf Fokkelman (2001).a.

Nun wohl: Die kurzen Anmerkungen: de Moor / Korpel unterscheiden in der hebräischen Poesie sieben verschiedene strukturelle Größen auf unterschiedlichen Strukturebenen: Silbe => Fuß => Colon => Vers => Strophe => Canticum => Sub-Canto => Canto. Wie ein Gedicht aufzuteilen sei in seine Silben / Füße / ..., dazu werden drei verschiedene Vorgehensweisen angeführt. Da zu diesen aber auch nur bedingt verlässliche Orientierungspunkte zählen wie etwa die Akzentsetzung der Masoreten, bleibt als einzig relativ verlässlicher Orientierungspunkt das Strukturprinzip der hebräischen Poesie schlechthin: Der Parallelismus.
Die klassische Parallelismus-theorie – die Gliederung des Parallelismus membrorum in synonymen, antithetischen und synthetischen Parallelismus - allerdings ist in der neueren und neuesten Forschung zur hebräischen Poesie hinfällig geworden;b unter Anderem, da im Laufe der letzten Jahre mehr und mehr neue Formen des Parallelismus „entdeckt“ wurden und das Gedritt synonym – antithetisch – synthetisch auf gänzlich unsystematische Weise einfach um diese neuen Vorschläge angereichert wurde, ohne dass über diese einzelnen Anreicherungen auch wirklich Konsens geherrscht hätte. Auch zum Jonabuch übrigens; Christensen 1983 etwa entdeckt in Jon 3,7 einen sogenannten „Janus-parallelismus“. In der Folge sind einige neue Parallelismus-theorien ausgearbeitet wordenc; aber auch hier gibt es nun keine allgemein anerkannte Theorie mehr – womit die Analyse biblischer Lyrik auch ihr letztes verlässliches Standbein verloren hat.
Es ist dies ein Umstand, der die Analyse hebräischer Poesie gewaltig erschwert, und nichts liegt uns ferner, als uns hier ohne eine ausführlichere Diskussion einfach einer der verschiedenen Parallelismus-positionen anzuschließen. Für eine ausführlichere Diskussion ist dies aber nicht der Ort, und also müssen wir uns behelfen. Folgendes soll unser Behelf sein: Gleich, welcher Art genau die verschiedenen aktuellen Parallelismus-theorien auch seien, in der Regel setzen sie stets am selben Phänomen an: An hebräischer Dichtung als „Verdichtung“. Deswegen kann auch Fokkelman seine „Definition“ von Dichtung folgendermaßen formulieren:

„What exactly is „poetry“? The German term for it, Dichtung, by a lucky coincidence sounds as if it was derived from the German root dicht, meaning „dense,“ a similarity I simply must take advantage of. The sounds create an association that we can put to good use, even if it is no more than my own opportunist popular etymology.
What a poet undertakes does have a lot to do with creating „density.“ Poetry is the most compact and concentrated form of speech possible.“d

„Parallelismus“ heißt, dass mindestens zwei Einheiten innerhalb eines Gedichtes „parallelisiert“, in Bezug zueinander gesetzt werden; und dieses In-Beziehung-Stehen erzeugt die Dichte, die ein Gedicht als Gedicht erst ausmacht – weshalb auch klar ist, dass, sobald ein Dichtungstheoretiker von „Parallelismus“ redet, er an diesem Phänomen ansetzen muss. Auf welche Weise nun genau der Parallelismus in Subtypen aufgeteilt wird, ist eigentlich unerheblich. Ein klares System wäre hier zwar wünschenswert, aber analysieren lässt sich ein Gedicht auch auf eine asystematische Weise. In Ermangelung einer von der Mehrheit der Exegeten anerkannten Parallelismus-theorie soll das also unser Vorgehen sein: Möglichst genau auf den Text zu blicken und die verschiedenen Verdichtungen des Gedichts als Anhaltspunkt für die Strukturierung zu nehmen, ohne hier die Verdichtungs-„subformen“ auch schon namhaft zu machen.

Auch die Aufgliederung des Jonapsalms in seine Colae und Verse wollen wir dem Leser ersparen und stattdessen auf den Aufsatz von Walsh 1982 verweisen, dem wir hier weitestgehend folgen werden. Einzig bei Jon 2,4 und Jon 2,6 weichen wir von seinem Vorschlag ab und sehen beide Stellen als Tricolae statt Bicolae an. Das lässt sich verteidigen: Den Jonapsalm aufzusplitten zwischen Jon 2,5 und 2,6 ist fast schon Sitte in der Exegese von Jon 2; in der Regel wird dies festgemacht an den parallelen Colen wenahar yesobebenî in 4a und tehôm yesobebenî in 6a. Wolff betont außerdem noch den Einsatz der beiden Teile mit drei sich steigernden Sätzen:e (1.1) Du warfst mich hinab, (1.2) ins Herz der Meere, (1.3) Fluten umschlossen mich <=> (2.1) Der Urstrom stieg mir bis zur Seele, (2.3) Tiefe umschloss mich, (2.3) mein Ende war nah. Es ist sinnvoll, dass diese grammatische Struktur sich auch in der Struktur der Colae spiegelt. Weiterhin als Indiz kann gelten, dass der disjunktive ´atnah-Akzent in 2,4 nicht etwa nach yammîm, sondern nach yesobebenî gesetzt ist. Und schließlich bricht Walsh´s Gliederung in Jon 2,6f. völlig mit dem hebräischen Text:

2,6 Der Urstrom stieg mir bis zur Seele

Tiefe umschloss mich
Gräßer waren um meinen Kopf geschlungen;
2,7 zum Fundament der Berge
stieg ich hinab [und] in das Land;
Seine Riegel [waren] um mich ewiglich.f
Zunächst einmal ist muss Walsh hier den „Dreisatz“ in 2,6 aufbrechen, dann im zweiten Vers die beiden Colae 2,6c und 2,7a verbinden – obwohl sogar er hier einen Neu-einsatz liest -, und schließlich auch den sôp pasûq am Ende von 2,6 ignorieren, der, obwohl seine Funktion der Versabgrenzung dient, gleichzeitig immer noch „mitfungiert“ als starker disjunktiver Akzent. Die Aufteilung in Strophen dagegen werden wir dem Leser nicht ersparen. Zum einen, weil wir mit dieser Aufteilung eine Minderheitenmeinung vertreten (soweit wir das sehen können, hat einzig Simon 1994 die selbe strophische Gliederung), zum Anderen, weil wir ihrer zum Zwecke der Diskussion der schwierigen Übersetzungsfrage von Jon 2,6c bedürfen. Aus diesem Grund werden wir die Aufteilung in Strophen auch erst an dieser Stelle des Einzelstellenkommentars diskutieren.

Der Jonapsalm und seine Parallelen im Psalter

In der Exegese von Jon 2 ist das Auffinden von Parallelstellen regelrecht zum Volkssport avanciert; Wendland spricht beim Jonapsalm deshalb vom „mother lode“ of intertextual citation and paraphrase“g
Lange Zeit wurden diese vielfältigen Bezüge zum Psalter angesehen als „Zitate“; noch Brichto etwa behauptet, im Jonapsalm sei „each stone copied from one or another placement in the Psalter.“h
Wir haben mal die Sekundärliteratur durchforstet nach Vorschlägen für solche Parallelstellen und fügen hier eine Psalmenversion inklusive der eindeutigeren und sinnvolleren Parallelstellenvorschläge ein. Im Volkssport der Parallelstellensuche dürften wir damit Tabellenführer sein, auch, wenn wir die weiter hergeholten Parallelstellenvorschläge hier schon ausgespart haben.

3 Ich rief in meiner Not zu Jahwe,

und er hat mich erhört.

Aus der Hölle Schoß schrie ich um Hilfe,

und du hörtest mein Flehn.


4 Du warfst mich hinab,

ins Herz der Meere
Fluten umschlossen mich.

Alle deine Wogen und Wellen

gingen über mich dahin.

5 Da dacht ich mir:

Ich bin verstoßen aus deinen Augen.

Dennoch sollt ich wieder schauen

deinen heil´gen Tempel.


6 Der Urstrom stieg mir bis zur Seele,

Tiefe umschloss mich,
mein Ende war nah.

7 Zum Fundament der Berge stieg ich hinab,

Der Erde Riegel sollten sich für immer um mich schließen.

Da zogst du aus dem Grabe mich,

mein Gott Jahwe.


8 Als mir der Atem schwand

rief ich zu Jahwe,

mein Beten drang zu dir empor

an deinen heil´gen Tempel.


9 Anhänger eitler Nichtse -

ihre Liebe lassen sie.

10 Ich aber will mit lautem Dank

dir Opfer bringen.

Was ich gelobt, will ich erfüllen.

Hilfe kommt von Jahwe.

Wenn man sich diese vielfältigen Bezüge einmal ansieht, wird schnell ersichtlich, wie absurd die Vorstellung ist, ein Autor habe sich einen Psalm aus all diesen Parallelstellen zusammengebastelt. Aus diesem Grund ist hier Bolin zuzustimmen, die in Anschluss an Bewer ausführt:

„Ninety years ago Julius A. Bewer held that Jonah´s psalm is not so much the result of a direct borrowing from the Psalter, but rather demonstrates, „that the author was steeped in the religious language of the post-exilc community. That he should have worked these 'quotations' together into a psalm, taking them from these various other psalms, does not seem likely... The phrases it has in common with the other psalms were the common property of the religious language of the author´s day.“ [...] What is at work in Jonah´s song is not a direct dependence or borrowing of a text or texts by another, but evidence of an established method of literary composition in which certain motifs occur in the same cluster within the larger, differing contexts of several Hebrew poems.“i

Ein Weiteres lässt sich zeigen mit dieser Parallelstellenversion: Wieder und wieder wird die Behauptung Magonets zitiert, der gesamte Psalm sei von Psalterbezügen durchwaltet – außer in Jon 2,6, wo die ungeheuerliche Situation auch ein neues, ungeheuerliches Sprechen erforderlich mache:

„The familiar frame of reference and customary terminology continue until verse 6a, and then suddenly in this second stage of descent, all familiarity ceases [...] At this point both stylistically (the narrative form) and from the point of view of what is described, the author breaks into new territory, where the terminology of his tradition is no longer used, and and perhaps can no longer be used. In parallel to the situation he describes, the sudden change from familiar to unfamiliar language takes one into the depths of a frightening new world, far from God, where only the sudden intervention of God Himself can restore the lost soul.“j

Wie wenig diese Behauptung zutrifft, lässt sich oben wohl auf den ersten Blick sehen. Es wird Zeit, dass sie endlich zu Grabe getragen wird.

Der Jonapsalm – eine Parodie?

Der Jonapsalm ist also, wie wir sahen, getränkt von religiösem Vokabular. Das ist natürlich, wie man heute so sagt, „a pain in the ass“ für die Exegeten, die in der Figur des Jona gerne einen Anti-helden sehen würden, der sich bösartig gegen Gott vergeht.
Die Lösung des Problems liegt nahe: Der Psalm wird als sekundär erklärt. Und in der Tat wurde dies ja von vielen, vielen Exegeten vertreten, etwa: Allen, Bewer, Budde, Childs, Collins, Couffignal, Cross, Daube, Day Eissfeld, Fohrer, Friedman, Gunkel, Halpern, Johnson, Keller, Licht, Nogalski, Soggin, Trible, Walsh, Weimar, Wolff (Wolff geht sogar so weit, dass er den Jonapsalm in seiner Übersetzung in „Studien zum Jonabuch“ einfach weglässt, und zwar mit der merkwürdigen Begründung, dass der Jonapsalm im Gegensatz zu den anderen beiden Gebeten im Jonabuch (1) Poesie und (2) kein Klagepsalm seik), ...
In letzter Zeit wurde aber häufig auch eine weniger naheliegende Lösung vertreten: Das Problem sei überhaupt kein Problem, so heißt es dann – denn der Psalm sei ja gar nicht ernst gemeint.
Der erste Ansatz ist hier, Jona 2 als „Parodie“ zu interpretieren. Er wurde bei Jon 2 im Anschluss an Miles 1990 v.a. von Berlin 1993 vertreten. Miles nämlich versucht in seinem Aufsatz „Laughing at the Bible: Jonah as Parody“, das ganze Jonabuch als Parodie auszuweisen. U.a. wird bei ihm Jon 3 zu einer Parodie auf die Textsorte „Prophet wird von einem König zurückgewiesen“ – was völlig absurd ist, da in Jona 3 die selben Aktanten auftreten mögen wie in der genannten Textsorte, in ihrer (nicht einmal vorhandenen!) Interaktion aber kein einziges der diese Textsorte konstituierenden Plotbestandteile zusammenkommt. Nach der selben Logik könnte man heute auch einen Krimi als Romanze klassifizieren, weil in beiden Genres Menschen auftreten. Wie auch immer: Brenner jedenfalls findet Miles Ansatz sinnvoll und versucht nun ihrerseits, Jon 2 als Parodie zu bestimme. Sie gibt zwar selbst zu:

The possibility that the poem is a parody – critical and humorous, a comical presentation of genre and fictional character – could not have been so defined in isolation. Had there not been other indications of genre parody [...] and satire [...], I would have been happy to consider the prayer as an imagined sincere expression of a person in distress.“, l

aber weil diese indications nun mal angeblich da sind, geht sie trotzdem dazu über, einzelne Indikatoren für das Parodistische im Jonapsalm aufzuzeigen. Dass „Parodie“ ein biblischen Schriftstellern gar nicht zur Verfügung stehendes Genre war, zeigten wir schon in der Einleitung, wir müssen uns mit diesem Ansatz also gar nicht weiter beschäftigen – obwohl es Spaß machen würde, denn die Indizien, die Brenner und Andere auflisten, um von ihnen her kommend Jon 2 als Parodie oder Satire bestimmen zu können, sind teils so absurd, dass sie sich ohne Weiteres dazu eignen würden, aus der Widerlegung selbst einen humoristischen Text zu gestalten. Nur ein kurzes Beispiel: Brenner geht davon aus, dass die Not, die im Psalm geschildert wird, nicht die Not des Ertrinkens sei, sondern der Fisch. Daher bestimmt sie – Miles folgend – die Funktion des Psalms als ein „beseeching God for a metaphorical 'rescue from a pit'.“m Bei 2,6 werden wir sehen, dass das völlig am Text vorbeigeht; aber weiter: Durch diese Funktionsbestimmung ergeben sich natürlich Schwierigkeiten mit der Zeitform: Die Not wird ja im Psalm eindeutig in die Vergangenheit verortet, nicht in die Gegenwart des Im-Fisch-Seins. Brenner registriert das natürlich, aber gerade das wird ihr zum Anlass, den Psalm als humoristischen Text umzuinterpretieren. Obwohl also im Psalm Jona sich nicht etwa beklagt, sondern dankt (s. Einleitung), und obwohl als die geschilderte Not eben nicht der gegenwärtige Fisch, sondern das vergangene Beinahe-Ertrinken konstituiert wird, bestimmt sie das im Psalm Geschilderte als Metaphern für die beklagenswerte Situation, nämlich den Fisch. Das passt natürlich auch nicht; das Gesagte lässt sich nämlich keineswegs metaphorisch auf die Situation im Fisch beziehen. Und auch das registiert Brenner - aber weit davon entfernt, spätestens hier wieder von ihrer Interpretation abzugehen, kommt jetzt, aufgepasst, der Aufweis der Komik: Gerade das sei nämlich urkomisch – dass nicht nur der Klagepsalm ein Dankpsalm sei, dass nicht nur die Zeitform falsch sei, sondern dass darüber hinaus nicht mal die Metaphern Metaphern seien (man fragt sich, wie sie dann überhaupt dazu kommt, die „Metaphern“ als Metaphern zu bestimmen):

„Unlike the imagery in similar psalms, the metaphors in Jonah´s prayer are rendered invalid because, within the story, they cease to function as metaphors. Factuality and image cancel each other out. The result is a ludicrous parody of the true believer´s complaint: will the same metaphors still be meaningful when the metaphorized situation materializes?“n

Verstanden? Gelacht? Wir auch nicht.〈a href="#note_o" id="reference_o_1" title='Dieser Argumentationsgang Brenners wird aber sogar auch von anderen Exegeten aufgegriffen; Sharp 2008 etwa referiert lakonisch: "Second, figures of speech …'o〉

Ein zweiter Ansatz ist es, den Psalm nicht als Parodie zu lesen, sondern ihn als durchweg ironisch aufzufassen. Auch hierfür zitiert Brenner Gewährsmänner (aber die Auffassung des Psalms als ironisch ist wohl eine der verbreitetsten überhaupt in der Exegese des Jonapsalms):

„Magonet (1983: 39-54) argues that the poem is authentic and original; that its many echoes of the Book of Psalms are deliberate [mis]quotations [...]; [...] that the poem´s apparent incongruity disappears when its 'pious' nature is perceived as ironic [...].“p

Besonders frech ist, dass Brenners Hinzufügung von „[mis]“ zu „[mis]quotation“ daraus selbst eine misquotation macht – Magonet hat in seiner Jonaexegese eine dem Jonabuch eigene Zitationsweise herausgearbeitet, die zwar sehr komplex ist, die aber mit „misquotations“ nicht annähernd erfasst werden kann. Aber, desungeachtet: Wer soll es denn eigentlich sein, der hier „ironisch“ spricht? Jona oder der Erzähler? Gleich, wer es sein soll; beides macht keinen Sinn. Denn, was heißt „Ironie“? Bar-Efrat unterscheidet in „Narrative Art in the Bible“ zwischen „dramatic irony“ and „verbal irony“. „Dramatic irony“ können die Exegeten hier im Jonabuch nicht meinen, weil sie die scheinbaren Paradoxa des allzufrommen Jonapsalms nicht auflösen würde: Dramatische Ironie kommt zustande in Situationen, bei denen „the character knows less than the reader, or unknowingly does things which are not in his or her own best interest, or from the course of events leading to results which are the reverse of the character´s aspirations.“q Also ist wohl „verbal irony“ gemeint. „Verbal irony“ lässt sich am leichtesten mit Sutherlands Bestimmung definieren: „At its simplest, irony is saying one thing and meaning another. [...] The etymological origin or the word – the Greek eironeia – translates as „deception,“ „hypocrisy“ or „lie.““r Aber wie hätte man sich dementsprechend den Autor des Jonabuchs vorzustellen? Sitzt er, sich ins Fäustchen lachend, über seinem Papyrus und denkt sich: „Hihi – Nicht...!“? Welche Funktion hätte dann noch der Psalm? Und, andererseits, der ironische Jona: Man stelle sich einmal die Situation vor: Da sitzt Jona seit drei Tagen im Bauch des Fisches, der ihn vor dem Ertrinken gerettet hat. In dieser Situation sich mit solchen Worten an Gott zu wenden und das Gegenteil des Gesagten zu meinen, würde bedeuten, dass Gott hier wider Jonas Interesse gehandelt hätte; das im Psalm gesagte könnte in diesem Fall aber gar nicht als Ironie verstanden werden, sondern wäre sarkastischer Hohn - und das passt nun wirklich nicht in den Verlauf den Jonabuches. Und auch hier wieder: Welche Intention steckte dann noch hinter diesem Psalm?
Hinzu kommt: Auf die Bestimmung des Psalms als Ironie kommt man ja überhaupt erst, wenn einem der Psalm als „zu fromm“ erscheint, weil man Jona eben als „nicht-fromm“ auffasst und dieses „nicht-fromm“ herleitet aus Jonas sich-Vergehen gegen Gott. Wäre dieses sich-Vergehen so aber richtig aufgefasst, dann wäre dies ein derart gewaltiger Frevel, dass als Reaktion Gottes nicht etwa der sanfte Spott, Jona vom Fisch wieder ausspeien zu lassen, zu erwarten wäre – sondern Jonas Tod, vgl. 1 KönKönig, Eduard: Hebräisches und aramäisches Wörterbuch zum Alten Testament. Leipzig, 1922. 13; 20,35f . Ein biblischer Autor würde sich also hüten, einen solchen Frevel durch Ironisierung abzuschwächen. vgl. auch Simon: „Das Urteil für einen Propheten, der sich weigert zu prophezeien, wird in der Mischna festgelegt: „Wer sein Prophetentum niederhält ..., wird durch den Himmel sterben, denn es ist gesagt: 'Und ich werde es von ihm fordern' (Dtn 18,19)“ (Sanhedrin 11,5). Dies wird im Babylonischen Talmud auf Jona bezogen (Sanhedrin 89a).“

In diesem Kommentar stellt der „allzu fromme Jonapsalm“ überhaupt kein Problem dar; denn es war ja überhaupt erst Anlass dieses Kommentars, aufzuzeigen, dass Jona hier keineswegs dargestellt wird als nicht-fromm, sondern als allzu fromm – als Fanatiker nämlich; und aus dieser Perspektive ist der Jonapsalm nicht etwa disgruent mit dem Rest des Jonabuches sondern passt hier hervorragend hinein. Aber dazu später mehr; beginnen wir einstweilen mit dem Einzelstellenkommentar.

Ansichten
  • Kommentar
  • Diskussion
  • Quelltext anzeigen
  • Versionen/Autoren
Rubriken
Benutzeranmeldung
Drucken/exportieren