Textsortenklassfikation

Zwei Anfragen, auf die ich gekommen bin, weil ich gerade immer noch über dem Jonabuch sitze und mich gerade mit der Textsortenklassifikation beschäftige. Dabei bin ich auf zwei Probleme gestoßen. Folgendes:

Während meiner Recherche bin ich auf folgende Zuweisungen gestoßen: Prophetenerzählung, Parabel, Legende, didaktisches Geschichtswerk, narrative Dogmatik, philosophische Abhandlung, Tragödie, Komödie, ironische Kurzgeschichte, Novelle, Parodie, surrealistische Farce, didaktische Novelle, Midrasch. 

Ich habe hier zwei Probleme: Das erste gilt speziell für die Klassifikation des Jonabuches; keine dieser Klassfikationen trifft es nämlich wirklich. Grundlegend für dieses Problem ist Problem 2, das ganz allgemein für Textsortenklassfikation gilt: Es gibt keine allgemein anerkannte Textsorten-Taxonomie (habe ich, glaube ich, schon mal irgendwo geschrieben). Nur deswegen konnte es hier auch zu so vielfältigen Vorschlägen kommen; sie setzen nämlich alle an unterschiedlichen Ansatzpunkten an: 

- inhaltlich-thematisch: Prophetenerzählung, Legende, ironische Kurzgeschichte

- funktionell: Parabel, narrative Dogmatik, philosophische Abhandlung, Parodie

- strukturell: Novelle, Kurzgeschichte, Komödie, Tragödie

- textgenetisch: Midrasch

- Mischformen: didaktisches Geschichtswerk (Funktion + Realitätsbezug), ironische Kurzgeschichte (Stilistik + Struktur), surrealisitische Farce (Inhalt/Thema + Funktion), didaktische Novelle (Funktion + Struktur). 

Nun ist es vielleicht in Ordnung, wenn in verschiedenen Aufsätzen / Werken je verschiedene Klassifikationskriterien verwendet werden, aber Offene-bibel soll ja mal ein Projekt aus einem Guß sein, obwohl es sich dabei aus all diesen Aufsätzen / Werken speißt. D.h., vielleicht wäre es wünscheswert, sich hier auf ein Klassifikationsschema zu einigen, auf das man dann die rezipierten Klassifikationen bringen kann. Das wäre meine erste Anfrage: Was meint ihr dazu? Wäre das sinnvoll?

Die zweite: Ich habe schon früher (vor meiner Offene-Bibel-Zeit) über das Problem nachgedacht und einiges dazu gelesen. Deswegen könnte ich auch gleich mit einem Vorschlag aufwarten:

In der Textsortenlinguistik hat v.a. die "pragmatische Wende" Einfluss gehabt (mittlerweile gibt es auch noch die "kognitive Wende", aber auf die Textsortenklassifikation hatte die sich (noch) nicht so sehr ausgewirkt), und in der Folge hat man v.a. von der Textfunktion her auf Textsorten geblickt. Das beruht auf der Einsicht, dass man bei der Textproduktion einen Text v.a. auf die Funktion hin strukturiert, die man mit einem Text realisieren möchte. z.B. will ich jemanden beleidigen, und deswegen strukturiere ich meinen Text nach der Textsorte "Beleidigung". D.h., entscheidend für eine Textsorte ist auf jeden Fall Textfunktion und Textstruktur, wobei hier die Textfunktion dominiert. Weiter: Die Rede von "Textstruktur" macht nur dann Sinn, wenn es irgendetwas gibt, das hier strukturiert wird, also ein Inhalt. Inhalt und Struktur bedingen sich gegenseitig. Aus diesen Gründen hat z.B. der Textlinguist Klaus Brinker Texte klassifiziert nach (1) Funktion, (2) Thema (=Inhalt) und (3) Textorganisation (=Struktur). Brinker folgend wäre das mein Vorschlag: Eine Textsortenklassifikation nach dem Muster [Funktion] [{Inhalt}{Struktur}] (weil in deutschen Textsortenbezeichnungen "Inhalt" und "Struktur" häufig nicht trennbar sind, Kunstmärchen z.B. bezieht sich sowohl auf den Inhalt als auch die Struktur), also z.B. beim Jonabuch "didaktisches Propheten-Kunstmärchen", Gen 1 wäre ein "mythischer Schöpfungs-bericht" o.Ä. usw.

Das wäre meine zweite Anfrage: Was sagt ihr dazu? Hat jemand einen sinnvolleren Vorschlag?

Re: Textsortenklassfikation

Bild des Benutzers Sebastian Walter

 Didaktische Prophetenlegende; verzeihung.

Re: Textsortenklassfikation

Bild des Benutzers olaf

Als ich das Feld mit der Textsorte in die Checkliste eingebaut habe, hatte ich nicht den Anspruch, dass wir hier ein zwingend ein systematisches und einheitliches System verwenden müssen. Mein Anliegen war viel bescheidener: Den Leuten, die später aus der Studienfassung eine Lesefassung machen, einen Hinweis für die Entscheidung über die deutschen Textsorten zu geben. So kann man dafür sorgen, dass ein poetischer Text in poetischem Duktus bleibt, und dass ein humorvoll zugespitzter, polemischer Text dann nicht in unserer Lesefassung plötzlich nach einem strikten Gesetzestext klingt.

Die Idee zur Systematik finde ich spannend, weil die drei Elemente „Funktion“, „Inhalt“ und „Struktur“ tatsächlich wichtig sind, um im Deutschen nach äquivalenten Formen zu suchen.

Eine andere Frage ist: Wie stellen wir sicher, dass unsere Klassifikation auch für Leute ohne theologische Vorbildung verständlich ist? Sollte man im Zweifelsfall einen Erläuterungssatz anfügen?

Re: Textsortenklassfikation

Bild des Benutzers Sebastian Walter

Spätestens im Kommentar wird es wohl in der Regel stets einen Absatz geben, der die jeweilige Textsortenklassifikation darlegt und verteidigt. Jedenfalls habe ich bisher relativ wenige gründlichere (philologische) Kommentar entdeckt, die das nicht machen würden. Aber du hast Recht; das habe ich nicht bedacht, dass das Textsortenfeld nicht auf der Kommentarseite (also für den Leser), sondern auf der Diskussionsseite (also für den Übersetzer) steht.

<OT>Sag mal, bist du nicht im Urlaub? Na na, tststs - schleich dich vom PC und stürz dich in die Wellen (oder so, wo bist du denn eigentlich?)! :)

Schönen Urlaub wünsch ich dir (auch), das hab ich gestern ganz vergessen.</OT>

Re: Textsortenklassfikation

Allgemein ist die Frage für den späteren Kommentar natürlich schon sinnvoll. Sebastian, könntest du nochmal kurz erklären, wie sie ein festes System auf die eigenständige entscheidung des exegesierenden Übersetzers auswirkt? Es ist ja klar, dass irgendjemand die Entscheidung treffen muss, und es ist auch klar, dass ein System a) dabei größere Einheitlichkeit garantieren, aber b) die Arbeit nicht von alleine tun würde. Mich würde also ein Fallbeispiel anhand verschiedener Systematiken interessieren.

Re: Textsortenklassfikation

Bild des Benutzers Sebastian Walter

 Ich hoffe jetzt einfach mal, ich habe richtig verstanden, was du von mir willst :) : Du fragst, wie ein festes System auf die Freiheit oder die unverstellte Sicht des Offene-Bibel-Übersetzers-/-exegeten auswirkt, richtig?

Zunächst mal ganz allgemein: Natürlich verstellt ein festes System ein bisschen die Sicht des Exegeten. Aber das ist ja bei jedem System so. Deswegen wäre es eben wünschenswert, eine Systematik zu finden, die einerseits systematisch genug und andererseits offen genug ist, dass sie so etwas nicht tut (dass eine Systematik überhaupt wünschenswert ist, setze ich jetzt einfach mal voraus.). 

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Also gut, schauen wir uns das man an einem Fallbeispiel an. Nehmen wir doch mal z.B. Psalm 1. Bei Psalmen gibt es verschiedene Schemata:

1) Das häufigste und gleichzeitig gröbste Klassifikationsschema ist das nach Thorapsalmen und Königspsalmen.

2) Ein weiteres Schema geht auf Gunkel zurück und orientiert sich (1) an Funktion und (2) an Sprecher: (1a) Loblied (1b) Klagelied (2a) des Volkes (2b) des Einzelnen. Manche grenzen auch innerhalb dieses Schemas noch gesondert die Königspsalmen ab.

3) Es gibt Schemata ohne irgend eine Systematik. Auf der Einleitung zu den Psalmen auf http://www.bibelwissenschaft.de/bibelkunde/altes-testament/ketubimschriften/psalmen/  z.B. heißt es: 

"Zur Orientierung im Psalter ist es notwendig, einige für bestimmte Gattungen oder Inhalte typische Psalmen zu kennen, so Klagelieder des Einzelnen (22+69), Klagelieder des Volkes (44, 60, 90), Lobpsalmen (30,114, 136), Vertrauenslieder (23), Hymnen (8, 100, 113), Königspsalmen (2,20, 110), Alphabetische Psalmen (9/10, 119, 145), Zionslieder (46, 48, 76,84+87), Weisheitliche Psalmen (73, 133), Schöpfungspsalmen (8, 19A,104). Für weitere Angaben vgl. auch das Thema-Kapitel."

Hier sieht man wieder: "Klage-", "Lob-", und  "Vertrauens-" klassifizieren funktionell, "des Volkes", "des Einzelnen", "Königs-", "Zions-" und "Schöpfungs" klassifizieren inhaltlich, "alphabetische" stilistisch und "Hymnen" und "Weisheitliche Psalmen" passen nirgends rein, denn die Klassifikation basiert auf irgendwelchen hier nicht erläuterten Klassifikationsfundamenten.

4) Was ich jetzt vorgeschlagen habe (Übrigens habe ich jetzt gesehen, in "Cracking Old Testament Codes", einem Buch zur Formanalyse, wird ähnlich empfohlen): Klassifikation nach Funktion, Inhalt und Struktur.

(5))Als letztes möglich wäre z.B. die Berücksichtigung, zu welcher Sammlung die Psalmen gehören (also "kontextuell", kann man das so nennen?), z.B. Davidspsalmen , Korachspalmen, Asafpsalmen, Elohistischer Psalter und die beiden Hallels. Habe ich ne Sammlung vergessen? Jedenfalls: Wie sinnvoll ist das? Die Davidspsalmen z.B. zeichnen sich v.a. dadurch aus, dass sie irgendetwas zu tun haben sollen mit David (aber dieses "Ein Davidspsalm" ist ja rätselhaft), "elohistischer Psalter" ist deswegen eine eigene Sammlung, weil hier ein Editor die Gottesnamen ediert hat usw. Das hat also auch nicht wirklich Aussagekraft.

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Und jetzt versuchen wir mal, Psalm 1 zu klassifizieren. Was passiert? Ok, ich habe einen Psalm, und ich kenne z.B. Schema 1: Thorapsalm und Königspsalm. Gut, ich blicke auf den Psalm, entdecke nichts "Königliches", lese aber dafür von der "Thora Gottes". Also ist klar, ich schieße mich darauf ein, dass dies für die Thora steht (was ja auch in der Regel in Kommentaren geschieht) und mache den Psalm zu einem Thorapsalm. Aber steht das hier wirklich für die Thora? Und, wichtiger, geht es in diesem Psalm primär um die Thora, wenn "Thora" hier wirklich "Thora" bedeutet? Das ist eher zweifelhaft; der Psalm handelt ja nicht von der Thora, sondern vom gerechten und ungerechten Weg. Also würde die Klassifikation als Thorapsalm den Psalm 1 nicht wirklich treffen, es ist eine zu schematische Klassifikation. Aber das ist nicht das Einzige, sondern hinzu kommt, dass die Existenz dieses zu schematischen Schemas auch die Sicht des Exegeten verfälscht, der Text wird geleitet von dieser Klassifikation automatisch als Thorapsalm wahrgenommen, "Thora" kann nur noch "Thora" bedeuten.

Ok. Dann bin ich eben Vertreter von Schema 2. Königspsalm ist es nicht. Was ist es dann? Fangen wir an, zu fragen, wer hier spricht. Spricht hier ein einzelner als er oder stellvertretend für das Volk? - Wir wissen es nicht. Also kann ich wieder nur klassifizieren als Loblied oder Klagelied. Wird hier geklagt? Nein. Aber es beginnt doch mit einem Makarismus, also ist es wohl am ehesten ein Loblied. Stimmt das? Nein. Das hier ist nicht eine Preisung desjenigen, der den guten Weg gewählt hat, sondern eine Gegenüberstellung zweier Wege, deswegen das Fazit in Ps 1,6. Trifft also auch nicht.

Na schön, nehmen wir Systematik 3. Hier wäre das ein weisheitlicher Psalm. Das ist zumindest einmal eine treffende Klassifikation; aber was bringt das dem Bibelleser? Die Bedeutung von "weisheitlicher Psalm" liegt ja für den unkundigen gänzlich im Dunkeln; was sind die Grundlagen für die Klassifikation als Weisheitspsalm? Die Klassifikation trifft zumindest mal Psalm 1, abr die Klassifkationsgrundlage, die "Klassifikatorische Motivierung" ist nicht durchschaubar (also, "Motivierung" benutze ich hier wie in der Linguistik: Eine Wortbildung ist dann motiviert, wenn ein Wort so gebaut ist, dass man sofort Einsicht hat in die einzelnen Bestandteile, aus denen das Wort aufgebaut ist. z.B. Bischofsmütze besteht aus Bischof und Mütze, das ist motiviert. Dagegen Brombeere besteht aus Brom und Beere; und weil ich von "Brom" nichts weiß, ist diese Worbildungsweise dunkel und undurchsichtig).

Systematik 4: Worum geht es in dem Psalm? Wir haben uns dafür entschieden, ihn nicht zu lesen als Genese des guten aus dem Nicht-beschreiten des schlechten Wegs, sondern als eine Gegenüberstellung. Deswegen ist das keine Seligpreisung (weil er ja nicht primär vom Gepriesenen handelt), sondern eine Gegenüberstellung von gutem und schlechtem Weg. In diesem Rahmen wird der gute Weg propagiert. Das ist seine Funktion. Und die Textstruktur ist natürlich "Psalm". Ich weiß noch nicht, wie man das Thema / den Inhalts am Besten ausdrückt, also vorerst: Das ist ein "propagandistischer x-Psalm". Vielleicht, weil ja die Gegenüberstellung von Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit typisch für die weisheitliche Literatur ist, könnte man das als "propagandistischer Weisheitspsalm" bezeichnen. Aber das wäre systematisch nicht ganz "sauber". Die Vorteile von der Systematik sind direkt einsichtig, finde ich: Weil nicht Textsortenklassen, sondern nur Klassenkategorien vorgegeben sind, ist das System offen genug, um eine den jeweiligen Text tatsächlich treffende Textsortenbezeichnung zu finden und dabei den Blick des Exegeten auf den Text selbst nicht zu verstellen, und weil diese Kategorien das Fundamentalste dieser Textsorte betrifft - seine Funktion, seinen Inhalt und seine Struktur -, ist von jedem Leser die Motivierung für die Klassifikation direkt nachvollziehbar. Der Nachteil auch: Eine solche Systematik zwingt automatisch dazu, treffende Bezeichnungen für die einzelnen Aspekte zu finden; und z.B. für das Thema habe ich jetzt keine gefunden (Aber ich habe jetzt auch nicht länger nachgedacht). Ein weiterer Nachteil wäre dieser: Wenn ich z.B. die Psalmen klassifiziere nach 5 feststehenden Textsorten, kann ich sagen: Ok, der Psalter enthält 30 x-Psalmen, 25 y-Psalmen und 16 z-Psalmen. Eine so genaue Klassfizierung wie diese dagegen lässt so etwas nicht zu. Es macht ja keinen Sinn, zu erzählen, im Psalter seien 20 propagandistische, 15 preisende und 119 klagende Psalmen, und nach Inhalt allein kämen da auch 25 Psalmengruppen oder mehr zusammen (fürchte ich).

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Vor dem Fallbeispiel waren mir die Nachteile gar nicht so klar. Gute Idee, Ben. Das heißt, wir haben 2 Möglichkeiten, denke ich: Wir entscheiden, welche Vorteile am wichtigsten und welche Nachteile am ehesten zu verschmerzen sind und wählen davon geleitet eine Systematik aus; oder wir lassen die Sache doch mit der Systematik. Ich persönlich wäre ganz klar für Möglichkeit 1. Wie seht ihr das? (Das Problem ist, ich weiß nicht, ob es die Sache lohnt, wegen der Frage nach der Textsortenklassfikation eine Diskussion loszutreten, die sich genau so hochschaukeln könnte wie die Frage nach der Übersetzung des Gottesnamens).

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