Übersetzungstheorie von Bibelübersetzungen

Wer sich ein wenig mit verschiedenen Bibelübersetzungen beschäftigt hat, weiß, dass das Vorgehen bei der Übersetzung oft sehr unterschiedlich ist. Ein paar verbreitete Konzepte möchte ich vorstellen. Dies hilft uns vielleicht dabei, die Kriterien der Offenen Bibel sinnvoll auszulegen bzw. weiterzuentwickeln.

Zunächst einmal als Vorüberlegung: Was beeinflusst die Bedeutung eines Textes?

  • Wortwahl: Jede Sprache hat ein unterschiedliches Vokabular. Oft gibt es mehrere Wörter mit fast identischer Bedeutung. Oft hat ein Wort aber auch sehr unterschiedliche Alternativ-Bedeutungen. Diese Mischung ist in jeder Sprache anders, weshalb es eine absolut exakte Übersetzung prinzipiell niemals geben kann.
  • Grammatik: Die genauen Wortformen und der Satzbau funktionieren in jeder Sprache anders. Manche grammatikalischen Eigenschaften der Urtexte (hebräische Satzfolgen, griechische Aspekte) lassen sich im Deutschen nur mit völlig anderen Konstruktionen umschreiben.
  • Textsorten: In jeder Sprache sind andere Textsorten üblich, die jeweils großen Einfluss darauf haben, wie der Text verstanden wird.
  • Kulturelle Zusammenhänge: Jede sprachliche Aussage setzt kulturelles Wissen voraus. Beispielsweise ruft das Wort "Regenwetter" in Deutschland völlig andere Vorstellungen hervor als in Indien oder in der Sahara. Ähnlich ist es mit Tischsitten, sozialen Normen, Redensarten, Weltbildern, vorausgesetztem Wissen, ...
  • Intendierte Leserschaft: Je nachdem, wer als Leser im Blick ist, kann der Text eine völlig andere Aussage haben. Beispielsweise ist der Satz "Das Geld der Reichen wird an die Armen verteilt werden" ein Drohwort für reiche Menschen, für arme Menschen aber ein Heilswort.
  • Autoren: Der Sprachgebrauch eines Menschen ist geprägt von seiner Biograhphie, seiner Herkunft, seinen persönlichen Vorlieben ...
  • Natürlich gibt es noch vieles mehr, das auch noch zu nennen wäre.

Alle diese Faktoren müssen wir im auf dem Weg vom Urtext über die Studienfassung zur Lesefassung berücksichtigen. Wenn die Lesefassung von Nicht-Theologen erstellt und bearbeitet werden können soll, dann muss dies bereits in der Studienfassung geschehen. (Entweder durch treffende deutsche Formulierungen, oder durch erklärende Fußnoten.)

Nun ein kurzer, unvollständiger Überblick über konkurrierende Konzepte:

  • Funktionales Übersetzen ist ein Konzept, das für die Übersetzungswissenschaft zentral ist. Man beginnt hierbei mit einer Analyse der sprachlichen und kulturellen Zusammenhänge des Ausgangstextes, der Zielsprache und der Zielkultur. Zu jedem Element eines Ausgangstextes wird ein Äquivalent gesucht werden, das in der Zielsprache/Zielkultur dieselbe Funktion (oder eine möglichst ähnliche Funktion) erfüllt.
  • Ein weiteres Konzept ist das Übersetzen in eine sehr leicht verständliche Sprache. Hierbei werden auch Bibelstellen, die schon im Urtext sprachlich kompliziert und/oder inhaltlich mehrdeutig sind, auf einfache, eindeutige Aussagen abgebildet. Es wird also nicht in allen Fällen ein echtes Äquivalent in der Zielsprache gesucht, sondern eher eine Vereinfachung angestrebt.
  • Die Begriffe wirkungstreu, dynamische Äquivalenz und Zielsprachen-orientiert werden von verschiedenen Leuten für Übersetzungen verwendet, die entweder dem funktionalen Ansatz nahe stehen oder die eine sehr leicht verständliche Sprache anstreben.
  • Strukturtreue Übersetzungen legen weniger Wert auf die inhaltliche Verständlichkeit und versuchen eher, die sprachliche Struktur des Urtextes in der deutschen Sprache abzubilden. Die meisten Sprachkurs-Rohübersetzungen sind strukturtreu (aber selten wirklich gute strukturtreue Übersetzungen).
  • Die konkordante Methode ist der kompromissloseste strukturtreue Ansatz. Hierbei wird jede Vokabel der Ausgangssprache auf genau ein deutsches Equivalent abgebildet wird – unabhängig davon, welche alternativen Bedeutungen die Vokabeln in Ziel- und Ausgangsprache jeweils haben. Der Satzbau wird fast identisch übernommen – unabhängig von der genauen Bedeutung der Wortreihenfolge in Ziel- und Ausgangssprache. Inhaltliche Zusammenhänge werden bei dieser Methode oft ebenso ignoriert wie grammatikalische Eigenschaften des Urtextes, die sich durch ein so mechanisches Vorgehen nicht direkt übertragen lassen.
  • Da ein streng konkordantes Vorgehen zu einem bestenfalls unverständlichen, schlimmstenfalls völlig missverständlichen Text führt, gehen manche Bibelübersetzungen (z.B. Elberfelder Bibel) Kompromisse ein (Semi-Konkordanz). Gelegentlich wird das Ziel der Konkordanz beim Wortschatz ganz aufgegeben, beim Satzbau aber beibehalten (d.h. Wort-für-Wort-Übersetzung mit wenig Rücksicht auf die genaue Funktion der Satzstellung in Ausgangs- und Zielsprache).
  • Mein persönliches Vorgehen beim Übersetzen in die Studienfassung ist eine Mischung aus funktionalem Ansatz und strukturtreuer Zielsetzung. Grammatikalische Konstruktion des Urtextes übersetze ich in deutsche Formulierungen, die die sprachliche Funktion dieser Konstruktionen in gehobenem Deutsch möglichst klar wiedergeben. Von "richtigen" funktionalen Übersetzungen unterscheidet sich diese Methode dadurch, dass vor allem Wortwahl und Satzbau verständlich gemacht werden sollen. Die anderen Aspekte (Textsorte, kulturelle Zusammenhänge, intendierte Leserschaft, Autor, ...) können dann in den Fußnoten erläutert werden. Analog zum oben erwähnten Begriff der dynamischen Äquivalenz könnte man vielleicht von grammatikalischer Äquivalenz sprechen.

Ein bewusst überspitztes Beispiel zur Erläuterung der Unterschiede: "The manager was going by cab to his clock factory, where he was about to meet his deputy, when everything went wrong. The cab having an accident, he used his mobile to call 999."

  • streng konkordant übersetzt: "Der Leiter ging mit einer Droschke zu seiner Uhren-Fabrik, wo er ungefähr war, um seinen Vertreter zu treffen, als alles falsch ging. Während die Droschke einen Zufall hatte, gebrauchte er sein mobiles, um 999 zu rufen."
  • Wort-für-Wort-Übersetzung: "Der Manager fuhr mit dem Taxi zu seiner Uhren-Fabrik, wo er im Begriff war, seinen Stellvertreter zu treffen, als alles falsch lief. Während das Taxi einen Unfall hatte, benutzte er sein Handy, um 999 anzurufen."
  • grammatikalische Äquivalenz: "Der Manager fuhr gerade mit dem Taxi zu seiner Uhren-Fabrik, wo er seinen Stellvertreter treffen wollte, als alles falsch lief. Das Taxi hatte einen Unfall, und so benutze er sein Mobiltelefon, um die 999 anzurufen."
  • funktional übersetzt: "Der Manager fuhr gerade mit dem Taxi zur Uhren-Fabrik, um dort seinen Stellvertreter zu treffen. Doch plötzlich lief alles falsch: Das Taxi hatte einen Unfall, und er musste mit seinem Mobiltelefon die 112 anrufen."
  • sehr einfache Sprache: "Der Chef war auf dem Weg in die Uhren-Fabrik. Dort wollte er seinen Stellvertreter treffen. Aber dann lief plötzlich alles falsch. Das Taxi hatte einen Unfall. Mit seinem Handy rief er den Notruf an."

In diesem Beispiel erweckt die konkordante Übersetzung den Eindruck, als ginge es um falsch gehende Uhren. Sowohl die konkordante Übersetzung als auch die Wort-für-Wortübersetzung lassen die Verlaufsform "was going" unübersetzt, weil sich diese im deutschen Sprachgebrauch nicht direkt abbilden lässt. Dadurch bleibt hier offen, ob der Manager die Uhrenfabrik erreicht oder nicht. Natürlich ließen sich dieses Probleme recht einfach lösen, indem man als Kompromiss doch weniger streng Wort-für-Wort übersetzt. Mir ging es bei dem Beispiel vor allem darum zu zeigen, dass Wort-für-Wort nicht automatisch sprachlich exakter ist.

Kommentare

Re: Übersetzungstheorie von Bibelübersetzungen

Danke für diesen Artikel, der in kommenden Diskussionen sicherlich als Referenz dienen wird! Mir gefallen besonders deine Beispielübersetzungen. Woher stammt der Satz? Hast du ihn selber formuliert? 

Re: Übersetzungstheorie von Bibelübersetzungen

Bild des Benutzers Olaf

Danke für das Lob. Den Satz habe ich selbst formuliert.

Kommentar-Darstellungsoptionen

Wählen Sie hier Ihre bevorzugte Anzeigeart für Kommentare aus und klicken Sie auf „Einstellungen speichern“ um die Änderungen zu übernehmen.
Rubriken
Bibelstelle aufschlagen
Volltextsuche

...dann einfach an folgende E-Mailadresse schicken:

meinBeitrag@offene-bibel.de

Benutzeranmeldung
Im Netz

      Offene Bibel bei Identi.ca   Offene Bibel bei Google Plus   Offene Bibel bei Friendica/ Diaspora