Gedanken zur Lesefassung

Vor kurzem habe ich die Lesefassung von Jona 1 überarbeitet. Dabei habe ich mich gefühlt wie auf einem Minenfeld! Mein Hebräisch ist noch nicht ausgereift genug, um selbst mit dem Urtext zu arbeiten, deshalb musste ich mich ausschließlich auf die vorhandene Studienfassung verlassen. Das erwies sich aus genau zwei Gründen als problematisch:

1. war bei mir praktisch kein Gefühl für hebräischen Satzbau, und was er transportiert, vorhanden. Die Studienfassung war (wohl) zwar sehr genau, machte aber keinerlei Aussagen zum Textverständnis. Das wäre vielleicht für jemanden gar nicht nötig gewesen, der Hebräisch beherrscht. Mir hat es aber gefehlt.

2. war es keine Hilfe, dass die SF hebräische Begriffe lediglich übersetzte, aber nicht definierte. Das machte es für mich teilweise fast unmöglich, die Bedeutungsnuancen eines Wortes herauszufinden. Man versuche, einen "Obersten der Seeleute" adequat ins Deutsche zu übertragen. Handelt es sich dabei überhaupt um den Kommandanten des Schiffs, oder nur um deren Sprecher? Gab es damals Kapitäne? War das Schiff für einen Kapitän zu klein, sodass es ein Steuermann sein musste? Oder gab es keine Hierarchie, bzw. handelte es sich bei dem Kommandierenden immer um den Eigner?

V.a. das Hebräische weist viele typisch semitische Wendungen auf. Der Sprache liegt ein ganz anderes Denksystem zugrunde, das wohl niemandem zugänglich ist, der sich noch nicht mit semitischen Sprachen auseinandergesetzt hat (oder, im obigen Fall, der Kultur im Mittelmeerraum der - frühen Eisenzeit? Späten Bronzezeit?). Folglich musste ich mehrfach nachfragen, hatte aber nicht den Eindruck, zu einer befriedigenden, zuverlässigen Lösung gekommen zu sein. Entsprechend hoffe ich, dass sich jemand, der Hebräisch beherrscht, Jona 1 nochmal annimmt.
Wohlgemerkt habe ich dabei aber wirklich keine Ahnung, was oder wie viel mir fehlte - es dominierte die Tatsache der Ungewissheit, dass ich einfach keine Ahnung hatte, was dort ursprünglich auf Hebräisch dastand. Es ist wie Schwimmen in trübem Wasser - man weiß nicht, welche Gefahren auf einen da unten in der Tiefe lauern.

Das führt mich zu zwei möglichen Schlussfolgerungen.
1. Entweder sind Nichtsprachkundige womöglich gar nicht dazu in der Lage, eine verlässliche Lesefassung (v.a. im AT) zu erstellen.
2. Oder unsere Übersetzungen sind nicht genau genug und vermitteln nicht genug Informationen, um einem Nichtsprachkundigen das Erstellen einer Lesefassung zu ermöglichen.

Müssen wir weitere Schritte ergreifen, um unsere Übersetzung noch genauer zu dokumentieren? Wird eine noch so genau dokumentierte Übersetzung je einen ausreichenden (nicht: vollwertigen) Ersatz darstellen, damit auch Nichtsprachkundige den Inhalt eines Textes ganz verstehen und zuverlässig übertragen können?
Sollten Nichtsprachkundige sich aus dem Übersetzungsprozess ganz heraushalten (müssen)? Falls man diese Lösung in Erwägung ziehen müsste: Hat es dann überhaupt einen praktischen Sinn, oder ist es nur eine lähmende Krücke, dass die Lesefassung ausschließlich aus der Studienfassung ermittelt wird und dabei den Urtext unberücksichtigt lässt?
Oder ziehe ich hier gegen Windmühlen aus?

Ich freue mich über eure Gedanken!

Kommentare

Re: Gedanken zur Lesefassung

Bild von Wolfgang Loest

Hallo Ben, danke für den Blogeintrag. Irgendwie habe ich ihn recht lange übersehen, was wohl mit meiner Arbeitsbelastung zu tun hat und vermutlich auch an der noch schlecht gelösten Übersicht über neue Beiträge liegt.

Du sprichst ein sehr ernstes Thema und vielleicht Problem an. Zu aller erst: Die Lesefassung darf natürlich auch aufgrund des Urtextes entstehen (das wäre am Wünschenswertesten), die Formulierung "aus der Studienfassung" ist für diejenigen gedacht, die eben keinen Zugriff auf das Original haben.
Symptomatisch ist wohl, dass sich noch kein Nicht-Theologe an die Lesefassung herangewagt hat. Die Frage ist jetzt, setzen wir unsere Regeln dafür zu hoch, ist es Respekt vor der Bibel, ist es "ich erdreiste mich doch nicht und habe viel zu wenig Ahnung", oder ist es schlicht und einfach der Tatsache zu schulden, dass es kaum angemeldete Nicht-Theologen gibt?

"Wird eine noch so genau dokumentierte Übersetzung je einen ausreichenden (nicht: vollwertigen) Ersatz darstellen, damit auch Nichtsprachkundige den Inhalt eines Textes ganz verstehen und zuverlässig übertragen können?"
Zu dieser Frage würde ich sagen: Ja, nur reicht eine einfache Dokumentation nicht aus, dazu gehört eben auch soetwas wie ein Bibellexikon, eine Zeittafel,.... Die Windmühle, die ich gerade bei Dir sehe ist, dass ein Christ auch beim normalen Lesen der Bibel nicht alles hundertprozentig verstehen kann (zumindest nicht ohne Bibellexikon, Zeittafel, Kommentar,...).

Für mich ist die Lesefassung etwas, wo der Bibeltext verständlich und zugänglich sein soll. Ob nun damals der "Oberste der Seeleute" ein Steuermann oder Kapitän oder Admiral war, ist für einen normalen Leser völlig egal, denn der Oberste der Seeleute ist nunmal derjenige der über den anderen steht. Damit ist heutzutage im allgemeinen der Kapitän gemeint, also würde ich hier Kapitän übersetzen, weil jeder versteht, dass eben nicht ein einzelner abergläubischer Matrose zu Jona spricht. Ob es nun damals ein Schiffseigner in der Funktion eines Kpitäns, ein Steurmann (weil es keinen Kapitän gab), oder ein gewählter "Oberster Matrose" der sonst keinen Vorgesetzten mehr hat (ist vermutlich völliger Blödsinn) war, ist meiner Meinung nach egal. Das ist ein schönes Detail, wenn man soetwas herausfindet, gehört meiner Meinung nach aber in die Studienfassung, oder die Anmerkung der Studienfassung. (Im Übrigen fand ich dieses Detail echt interessant ;-) aber ich bin nunmal auch Theologe.)

Abschließend möchte ich Dich auf das hinweisen, was ich auch ganz oft vergesse: Wir sind keine Einzelübersetzer, die eine Genialität eines Luther aufbringen müssen, sondern wir sind viele, die immer wieder über die Texte drüberschauen und offensichtliche Fehler verbessern können.

Re: Gedanken zur Lesefassung

Danke für die lange Antwort! In vielem hast du Recht. In einigen Bereichen müssen wir auf das Community-Prinzip vertrauen. Inwieweit Sprachunkundige fürs Erstellen der Lesefassung nützlich sein können, muss sich noch zeigen.

Deine Bemerkung zum Textverständnis ist natürlich völlig angebracht. Aber wie viel Verständnis wollen wir denn auf möglichst einfache Weise transportieren? Doch so viel wie möglich.
Meine Anfrage war ja speziell auf das Erstellen der Lesefassung aus der Studienfassung abgezielt. Und dabei sollte ja schon möglichst optimales Textverständnis erreicht werden - und zwar für den Unkundigen anhand der Studienfassung. Dabei geht es auch nicht nur um triviale Fragen wie die Übersetzung des "Obersten der Seeleute". Das kann sich auch ganz ernsthaft auf den transportierten Inhalt auswirken.

Genau das war der Knackpunkt. Kann der Laie den Textsinn nur anhand der Studienfassung zuverlässig erfassen? Ich glaube, die Frage ist gar nicht so unwichtig. Dem von dir angesprochenen Mangel an Nicht-Theologen wollte ich eben durch meine Erfahrung, bedingt durch meine bisher eher rudimentären Hebräisch- und AT-Umwelt-Kenntnisse, ausgleichen.

P.S.: Übrigens verläuft das mit dem gemeinschaftlichen Erstellen der Texte bisher ja eher schleppend. Es kommt mir so vor, als wäre ich der einzige, der sich eingestellte Texte mal ansieht... Aber das kommt sicher noch in Schwung.

Re: Gedanken zur Lesefassung

Bild von Wolfgang Loest

Tut mir leid, dass es mal wieder lange gedauert hat, die anderen Antworten waren wesentlich einfacher und schneller zu schreiben.

Ich wollte mit meinem Beitrag nichts verharmlosen. Natürlich steht und fällt eine echte Laien-Übertragung mit der Verständlichkeit der Studienfassung. Ich denke aber, dass wir als Theologen an sehr vielen Stellen zu viel über Einzelbedeutungen und Umweltkontexte nachdenken und dabei aus den Augen verlieren, dass das für Laien vielleicht nur Hintergrundinformationen sind. Allerdings sind solche Spezialkenntnisse (meiner Meinung nach z.B. bei der Übersetzung und Übertragung der großen Propheten unerlässlich.
Die Frage, sie sich mir deswegen stellt ist einfach folgende: Sollten die Übersetzer eine erste Lesefassung direkt mitmachen (müssen), die von Laien dann verändert werden darf? Es würde vieles einfacher machen, andererseits sehe ich dann die Gefahr, dass kaum noch Anreiz zum Verbessern da wäre (denn dann ist es doch wieder eine Theologenübersetzung - die wenigstens noch verbessert werden darf).

Ich finde diese Fragen wirklich spannend und würde gerne mal ein paar Texte Laien übertragen lassen und ihre Meinung hören. Ich versuche da mal was zu organisieren.

Trotz allem möchte ich hier nochmal sagen: Ich fand es total spannend und gut (und auch echt Wiki/Web2.0-mäßig), wie ihr Euch in der Kapiteldiskussion über den Steuermann/Eigner/Kapitän ausgetauscht habt. Wenn die Laien wie Du den Mut haben nachzufragen, dann ist das meiner Meinung nach der beste Weg. Damit wären dann nämlich auch für den Kommentar schon wichtige Fragen von Laien geklärt.

zum PS: Du hast Recht, im Moment kommt man sich hier fast wie ein Einzelkämpfer vor. Das liegt vermutlich auch daran, dass jeder von den Aktiven seinen Aufgabenbereichgefunden hat (oder eben alles macht, und für kaum etwas richtig Zeit hat). Kennst Du das 90-9-1-Modell? Das sind die durchschnittlichen Zahlen von Communitys wie uns, 90% lesen nur, 9% werden hin und wieder selbst aktiv und 1% ist sehr oft aktiv. Wir liegen deutlich über dem Schnitt (wobei ich natürlich nicht weiß, wie viel Menschen hier tatsächlich unangemeldet lesen). Hab einfach ein bisschen Geduld - wir sind schließlich noch jung und sehr klein. Vielleicht ändert sich das nach dem Ökumenischen Kirchentag in München?

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