Das Übersetzungsprinzip KANA (Teil 2: Natürlich, Akzeptabel)
Eine Übersetzung im eigentlichen Sinne ist im Rahmen der Offenen Bibel eigentlich nur die Lesefassung, denn nur sie versucht den vollständigen Brückenschlag, die ganze Länge der Strecke der Übertragung vom Urtext in die Zielsprache. Wo die Studienfassung für sich selbst genommen nur mit Hilfe in sprachlicher Hinsicht „unnatürlicher“ Hilfsmittel, wie der Klammern, Fußnoten und Kommentare funktioniert – und somit übersetzungstechnisch eine überaus hilfreiche Mogelpackung bildet –, will die Lesefassung vollwertige, ernstzunehmende Übersetzung sein. Als solche, mit einem natürlich lesbaren Fließtext, kann sie nicht so viele Nuancen darstellen wie die Studienfassung, aber das braucht sie dank der großen Schwester auch gar nicht. Wichtiger ist hier das Element der Kommunikation: also die Elemente Klarheit und Natürlichkeit. Auf die Klarheit bin ich schon kurz eingegangen. Im Folgenden geht es noch um die Natürlichkeit. Ein historisch etwas neueres, weiteres Kriterium ist das der Akzeptanzfähigkeit. Obwohl seine Berücksichtigung exegetisch kontraproduktiv sein kann, kann es doch über Erfolg und Misserfolg einer Übersetzung entscheiden.
N - Natürlich
Eine besondere Rolle bei der Erstellung und Qualitätskontrolle der Lesefassung muss das Element der natürlichen Sprache spielen (aber auch in der Studienfassung sollte dieses Argument zur Anwendung kommen, wo immer es mit ihrer Konzeption vereinbar ist). Natürliche Sprache – das heißt: Keine zu komplizierte Wortwahl, keine allzu langen Sätze, aber auch: moderne, kontextualisierte Sprache (kein Kanaanäisch). Was besonders bei Bibelübersetzungen lange Zeit gar nicht mehr erwartet wurde, ist ein essenzieller Teil der Produktion einer kommunikativen Übersetzung, nämlich: natürliche Ausdrucksweise. Dabei denke ich vor allem an eine im Kontext angemessene Übersetzung der Elemente eines Satzes in einen dem Sprachempfinden nach natürlichen deutschen Text. Und das ist nicht immer einfach.
Ein Beispiel hilft hoffentlich dabei, das zu verdeutlichen: Im Johannesevangelium treffen wir immer wieder auf die Konjunktion οὖν, und zwar deutlich häufiger als sonst im NT. In Joh 18 kommt sie in 40 Versen 21 mal vor. Ins Deutsche lässt sie sich, anders als andere Konjunktionen, oft nur schwer akkurat übersetzen (Hilfsübersetzung meist: also, nun). Der Autor benutzt sie also als Bindeglied für etwa jeden zweiten Satz. Allein in den Versen 3-10 kommt sie 6 mal vor, und zwar einmal pro Vers (nicht in 5 und 9), bis auf V. 8 immer an zweiter Stelle im Vers; bei der Verszählung wurde sie ganz offensichtlich als Hilfe zur Abgrenzung benützt. Die Lutherbibel übersetzt in Joh 18,3.4.6 immer "nun", in V. 7 "da" und in 8.10 gar nicht. Diese Vorgehensweise zeigt zwar, dass sich Luther bemühte, ein einigermaßen angemessene Übersetzung zu finden, die zu seiner Zeit vielleicht sogar natürlich war. Heute ist sie das nicht mehr. Abgesehen davon, dass „nun“ heute praktisch ungebräuchlich ist – moderne Textgrammatik verrät uns sehr viel darüber, welche Funktion die Konjunktion hier hat und welche Lösung deshalb die natürlichste im Deutschen wäre. Ich bin auch kein Experte und mit meinen Nachforschungen noch nicht am Ende, aber ein bisschen konnte ich schon herausfinden.
οὖν hat mehrere verschiedene Diskursfunktionen. Grob und vereinfacht gesagt, zeigt es eine logische oder zeitliche Kontinuität und/oder ebensolche inhaltliche Weiterentwicklung an. Das kann in einer Argumentation eine Folgerung sein (also, darum), in einem Erzähltext, besonders in Johannes, ein "da" (simple Markierung der Fortsetzung), aber auch ein schwacher Kontrast (aber). In Joh braucht man sie auch ganz häufig gar nicht übersetzen. Sicher ist: Es ist jedes Mal eine Einzelfallentscheidung für die genaue Übersetzung nötig, um eine griechische Konjunktion in natürliche deutsche Sprache zu übertragen. (Man vergleiche die momentane Übersetzung von Joh 18, bes. die beiden Fußnoten in 3 und 8, sowie die im Aufbau befindliche Grammatikseite zu οὖν) Hier merken wir, dass Wörterbücher nur begrenzt helfen können, und dass stattdessen nur eine Diskursanalyse zum Finden der passenden Bedeutung führt. Natürlich lässt sich immer auch ohne genaue Analyse, nämlich anhand des muttersprachlichen Instinkts, eine natürlich formulierte Übersetzung finden. Aber nur wenn der Textzusammenhang genau analysiert wurde, wissen wir, ob unsere Deutung auch der Intention des Textes entspricht. Viel Mühe für natürliche Sprache!
A - Akzeptabel
Welche Bibelübersetzungen sind am beliebtesten? Unter Protestanten ist das sicherlich die Luther-Übersetzung, weil sie einfach gewohnt und bekannt klingt. Mit Kommikationswert oder exegetischer Genauigkeit hat das nicht unmittelbar zu tun. Wir Menschen mögen, was gewohnt ist. Besonders bei einem Text von der Wichtigkeit der Bibel ist uns wichtig, dass die Krippe eine Krippe und der Scheffel ein Scheffel bleibt. Dabei weiß abseits der biblischen Geschichten eigentlich niemand mehr, was diese Begriffe bedeuten – aber wer hätte schon den Mut, die Krippe in der Weihnachtsgeschichte durch einen "Futtertrog" zu ersetzen? Die Luther-Revision von 1975 wurde als "Eimertestament" berühmt-berüchtigt, weil man in einem Versuch der Angleichung an modernere Sprache den "Scheffel" in Mt 5,15 zu einem Eimer machte (so Wikipedia). Mit solchen „Angriffen“ auf den vielen Menschen so lieben Luther-Text scheiterte die Revision offenbar am Ende an ihren Verkaufszahlen. Eine Bibel, die nicht wie eine Bibel klingt! Man stelle sich vor!
Auf die Akzeptanzfähigkeit einer Bibelübersetzung wirken sich natürlich auch Klarheit (=Komplexität) und Natürlichkeit (=Stil) aus. Doch es geht hier um mehr als nur gewohnten Wortlaut. Es geht darum, dass die Übersetzung Menschen persönlich ansprechen kann, ihnen unter die Haut geht, ihre Emotionen weckt. Nur eine Bibel, wo beim Lesen das Herz mitschwingen kann, wird am Ende größere Beachtung finden können. Dabei hilft natürlich auch eine gewohnte, z.T. traditionelle Ausdrucksweise – wenn die Bibel eben "richtig" klingt (s.a. den schon im ersten Teil erwähnten Blog-Artikel zum Kriterium Akzeptabilität).
Unsere Studienfassung nimmt auf das Kriterium der Akzeptabilität natürlich keine Rücksicht und sollte das auch gar nicht. Aber es gibt keinen Grund, warum wir für die Lesefassung in dieser Beziehung nicht umsichtig vorgehen sollten. Eine Reihe wichtiger Begriffe werden wir sowieso einheitlich übersetzen müssen. Dann müssen wir uns fragen: Welche Übersetzung ist exegetisch passend (genug), vermeidet Missverständnisse und ist gleichzeitig zeitgemäß und verständlich, ohne zu sehr vom Gewohnten abzuweichen?
Ein sehr schönes Beispiel für eine solche Abwägung ist die Beschreibung aus dem Vorwort der Neues-Leben-Bibel, wie man als zeitgemäße Übersetzung des Tabernakels schließlich auf "Zelt Gottes" kam - aber da spielte das "zweite A" wohl nicht die Hauptrolle. V.a. bei englischen Übersetzungen kommt immer wieder die Frage auf, ob man das griechische Wort doulos mit „Sklave“ (eigentliche Bedeutung) oder „Diener“ übersetzen sollte. Viele Deutsche wissen, dass ein Sklave im römischen Reich auch ein sehr gutes Leben führen und irgendwann freigelassen werden konnte; die meisten Sklaven hatten den Status von Dienern oder Leibeigenen. Doch in Amerika sind mit dem Begriffsfeld der Sklaverei noch allzu frische Vorstellungen von Rassismus und grausamer Ausbeutung verbunden. Die Übersetzung von doulos mit „Sklave“ würde mehr Missverständnisse schaffen, als die korrekte Übersetzung beseitigen würde. Aus Gründen der Akzeptanz und Klarheit übersetzt man dann meist „Diener“.
Was bedeutet es für unsere Lesefassung, dass die meisten Bibelleser bestimmte Erwartungen an eine "richtige" Bibel haben? Und es wird noch komplizierter: Die Erwartungen welcher Zielgruppe wollen wir damit eigentlich genau ansprechen? In Freikirchen, wo es in der Regel ja keine feste Übersetzung für den liturgischen Gebrauch gibt, ist die "Luther-Prägung" sicher nicht so stark vorhanden wie in der evangelischen Landeskirche. Bei den Katholiken wird es ähnlich sein (oder ist man da sehr stark von der EÜ geprägt?). Wie viel Rücksicht wollen wir auf traditionellen Klang nehmen? Wie wirkt sich das auf den Stil aus, den wir verwenden? (Ein weiteres Beispiel ist die Revision der Zürcher Bibel. Man wollte sich bewusst nicht zu sehr an das moderne Deutsch angleichen, um eine etwas ungewohnte, geistliche kraftvolle, würde volle Sprache zu erreichen.) Wie wirkt sich das auf unsere Übersetzung des Gottesnamens aus? Es wird klar: Die Antwort wird aus einer klaren Linie und anschließenden, umsichtigen Einzelfallentscheidungen bestehen müssen.
Hier ist das Ende meiner „Abhandlung“ erreicht. Das geplante Fazit lasse ich ausfallen. Was die Methoden anderer Bibelübersetzer zu unserer Lesefassung beitragen können, das muss sich in der Diskussion erweisen. Die findet übrigens hier statt.


Kommentare
Re: Das Übersetzungsprinzip KANA (Teil 2: Natürlich, Akzeptabel)
Das Kriterium „akzeptabel“ ist das problematischste, denn damit kann man alle vorangehenden Kriterien völlig aushebeln.
Vermutlich würde Karl Barth außerdem die Frage stellen, ob eine gute Übersetzung nicht geradezu anecken muss – weil Gottes Wort sich den menschlichen Vortellungen von Akzeptabilität nicht unterordnet.
Unproblematisch wäre es auf jeden Fall, das Kriterium einfach als offenen Prüfpunkt zu verstehen: „Ist der sprachliche Stolperstein hier inhaltlich angemessen, oder lenkt er vom Wesentlichen ab?“
Re: Das Übersetzungsprinzip KANA (Teil 2: Natürlich, Akzeptabel)
Ja, wie genau das Kriterium zur Anwendung kommen sollte, ist noch eine ganz andere Frage. Wir haben ja keinen finanziellen Druck, unsere Bibel kommerziell zu verbreiten. Es ist aber ein sehr interessanter Punkt, der uns vielleicht daran erinnern kann, dass unsere Übersetzung nicht alles anders machen muss, was man anders machen kann. Von Bedeutung wird dieser Punkt wohl hauptsächlich bei der Suche nach Übersetzungen für ausgewählte komplexe Begriffe. Es ist klar: "akzeptabel" ist eine Art Appendix zu den anderen Prinzipien.