Übersetzen mit System

 Die Modifizierte Interlinearmethode nach Otto Wittstock

Jeder Übersetzung liegt (hoffentlich!) eine Technik zugrunde. Die klassische Methode beim Übersetzen ist es, Satz für Satz zunächst das Subjekt, dann das Prädikat zu suchen und darauf dann die deutsche Übersetzung des originalsprachlichen Satzes zu konstruieren. So habe ich das zumindest aus dem Latein- und Griechischunterricht in Erinnerung (Man merkt schon, ich bin in linguistischer Hinsicht Laie). Genauso erinnere ich mich noch an das Ringen um eine deutsche Formulierung des lateinischen (griechischen oder englischen) Satzes. Die Bedeutung ist klar, aber wie sagt man das jetzt auf Deutsch??

 

Eine andere Übersetzungsmethode ist durch die synchrone Übersetzungstechnik von Live-Dolmetschern beeinflusst. Simultanübersetzer müssen einen Satz hören und gleichzeitig übersetzen können. Dabei haben sie keine Zeit, mit ihrer Übersetzung zu warten, bis im gesprochenen Satz Subjekt oder Prädikat auftauchen - das weiß ich ein bisschen auch aus eigener Erfahrung. Otto Wittstock hat 1970 darüber promoviert, wie man diese Methode beim Übersetzen aus dem Lateinischen ins Deutsche anwenden kann (Wittstock, Otto, Die Algorithmierung der Übersetzung syntaktischer Erscheinungen, Rostock, 1970).

 

Diese Arbeit habe ich nie gelesen. Aber mein Dozent für Biblische Sprachen, Heinrich v. Siebenthal, hat ein Griechisch-Lehrbuch auf der Basis von Wittstocks Erkenntnissen geschrieben. Wittstocks Erkenntnisse gingen dabei in von v. Siebenthal formulierte Übersetzungsregeln ein. Als ich beim Studium Griechisch noch einmal belegte/belegen musste, ergab plötzlich alles einen Sinn. Das Ringen war vorbei, denn hier lernte man Übersetzen mit System!

 

Ich kann schwer sagen, ob man an deutschen Universitäten heute eine vergleichbare Übersetzungstechnik lernt, denn ich studiere an einer Privathochschule (FTH Gießen). Universitätsstudenten lernen sicherlich auch Übersetzungsmethoden, mit denen man genaue Arbeit leisten kann. Es scheint mir aber, als sei Wittstocks modifizierte Interlinearmethode nicht besonders bekannt. Deshalb, auch im Licht der gegenwärtigen Diskussion über die Übersetzungstechnik der Offenen Bibel, möchte ich sie hier kurz vorstellen.

 

Mein Griechischlehrbuch ist schon seit längerem verliehen. Nur eine Übersicht der Übersetzungsregeln habe ich gerade hier. Die folgenden Ausführungen beruhen auf einer kurzen Erklärung dieser Methode durch Wittstock selbst in einer Fußnote eines anderen Werks und einer Zusammenfassung von Siebenthals Regeln.

 

Die modifizierte Interlinearmethode betrifft hauptsächlich Wortstellungsregeln. Grundsätzlich wird der Satz vom ersten bis zum letzten Wort exakt interlinear übersetzt. Es gibt jedoch verschiedene Regeln, die eine natürliche Anordnung im Deutschen ermöglichen - die eigentliche Stärke dieser Methode. Die Methode ist sehr detailliert (bishin zu Übersetzungsregeln für jeden grammatischen Fall), allerdings möchte ich lediglich auf Grundlagen eingehen. Vor allem geht es mir dabei um die systematischen Umstellungen, durch die eine recht natürliche deutsche Satzstruktur erreicht werden kann. Die Wichtigsten sind wie folgt (Zitat Wittstock, Klammern meinerseits):

 

R1: Das Prädikat in Nebensätzen gehört ans Satzende. (z.B. "weil ich nach Hause gegangen bin" <-> "weil ich gegangen bin nach...")

R2: Infinite Prädikatsteile gehören ans Satzende. (Besteht das deutsche Prädikat aus mehreren Wörtern (etwa mit Hilfsverben), rutschen alle Teile bis auf die konjugierte Form (Personalform) ans Satzende. Z.B. "Ich will jetzt einen Artikel für die Offene Bibel schreiben." <-> "Ich will schreiben einen Artikel für...")

R3: Der Infinitiv gehört ans Ende der Infinitivkonstruktion. ("Es macht Spaß zu übersetzen")

R4b: Bei einem Genitiv ohne Regens davor ist dieses vorzuziehen und vor dem Genitiv zu übersetzen.

R5: Das verbum finitum, R6 das Subjekt oder R7 beides ist vorzuziehen und zu übersetzen. (D.h. im Grunde, dass eine natürliche Reihenfolge von Subjekt, Prädikat und Objekt eingehalten wird. Bei Bedarf müssen Teile vorgezogen werden.)

R8: Postpositiva sind vorzuziehen und vor dem Komplex, hinter dem sie stehen, zu übersetzen.

 

Ihr merkt: Diese Methode macht Schluss mit der verwirrenden Wortstellung (ich denke da vor allem an die Verben) bei Luther & Co. Gleichzeitig bietet sie ein simples System, um die urtextliche Wortabfolge und Satzbau so weit wie möglich zu erhalten. Obendrein lässt sich eine Übersetzung anhand dieser Methode beurteilen. Deshalb ist sie meines Erachtens für die Offene Bibel optimal.

 

Allerdings ist sie auf das Griechische zugeschnitten. Die hebräische Grammatik ist - als semitische - von der deutschen grundverschieden. Dennoch ließen sich die Prinzipien der Übersetzungstechnik sicherlich relativ einfach auf das Hebräische übertragen. Im Kern geht es ja nur darum, die Wortabfolge systematisch von einer Sprache in die andere zu übertragen. Da die Zielsprache dieselbe ist, müssen die Ursprungswörter vielleicht nur an anderer Stelle gesucht werden. Beim Umpuzzeln passen sie aber in der deutschen Sprache an dieselbe Stelle. Bei meinen Hebräisch-Übersetzungen scheine ich das intuitiv zu machen.

 

(Ist die Vorgehensweise so anschaulich genug, oder soll ich mal ein Beispiel graphisch vorübersetzen?)

 

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